Gurken

Es ist wahrscheinlich, dass auch heute wieder Menschen im Mittelmeer ertrinken werden: Nicht im seichten Gewässer an einem betreuten Strand eines All-Inclusive-Hotels, sondern während der Flucht mit einem seeuntüchtigen Schlauchboot auf hoher See. Lasst uns heute deshalb über Gurken reden. Und das passt so zusammen:

Heute vor 69 Jahren startete die Luftbrücke (siehe [oder besser höre]: Kalenderblatt der Deutsche Welle): Die Luftbrücke mitsamt der Rosinenbomber ist nicht nur guter Stoff für eine Gravel-Fahrt mit Care-Paket, sondern auch zum Nach- (und viel wichtiger) Vordenken, denn die Rosinenbomber von damals haben viel mit der Gegenwart in Europa und auf dem Mittelmeer zu tun.

Als am 24. Juni 1948 die ersten Flugzeuge mit der Versorgung von über zwei Millionen Westberliner begannen, war dies nicht nur ein beispielloser Akt der Humanität in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Und es war nicht nur ein symbolischer Akt als Vorspiel des Kalten Kriegs im Wettstreit der Systeme. Nein, es war auch hochmoderne Flüchtlingspolitik: Nämlich das Abstellen, Reduzieren und Ausschließen von Fluchtursachen. Statt die eigenen Grenzen zu öffnen, wurde vor Ort geholfen: Indem zu Höchstzeiten im 60-Sekunden-Takt Flugzeuge nach Berlin brachten, was Berliner zum physischen Überleben benötigten, erhielten diese auch, was zum emotionalen/psychischen Überleben und Bleiben Not tat: Solidarität, Hoffnung und das sichere Gefühl, dass die Welt sie nicht vergessen hatte und sie nicht im Stich lassen würde. Aller Entbehrungen und aller schwerlich zu überwindenden Grenzen zum Trotze, gehörten die Berliner zur freien Welt dazu. Logisch, das macht keinen Menschen satt, aber es macht ihn (und wir müssen uns im Nachkriegsdeutschland darin erinnern, dass es vor allem mehrheitlich eigentlich Sies waren)* stärker!

Wie zeitgemäß dieser Ansatz ist, lässt sich in der Tacheles-Ausgabe vom 17.06.2017 in Deutschlandfunk Kultur mit Philosoph Julian Nida-Rümelin nachhören. Dort fordert dieser eine Bekämpfung von Fluchtursachen. Und als solche kann die Berliner Luftbrücke auch verstanden werden: Es wurde alles dafür getan, dass die Berliner in Berlin Berliner bleiben konnten und (da)bleiben wollten. Denn in Köln, Kentucky oder Kairo täten sie sich schwerer, Berliner zu sein, zu werden oder zu bleiben. Auch hierzu ein Podcast-Tipp: Luma Mufleh in ihrem TEDtalk „Don’t feel sorry for refugees – believe in them“

So und jetzt wieder aufs Rad gestiegen und sich an der Freiheit (auf Rädern) erfreut, denn diese ist nicht selbstverständlich! Gute Fahrt!

Bleibt noch die Frage, was das mit Gurken zu tun hat: Der erste LKW, der nach Beendigung der Luftbrücke Berlin erreichte, hatte eben diese geladen. Guten Appetit!

* Danke Regine fürs beharrliche Insistieren (siehe Radsalon 045)

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