#CBG17-Fahrer-Bericht: #20 Martin T.

Mit Erlaubnis von Martin T. aus seinem Facebook-Account kopiert:

„Hier nun mein etwas ausfühlicherer Bericht zum Candy B. Graveller:
Als ich zum ersten Mal vom Candybgraveller hörte, war ich sofort begeistert. Die Idee war, mit dem Rad entlang der Route der ehemaligen Luftbrücke von Frankfurt nach Berlin zu fahren. Rund 550km lang sollte die Route werden. Das erschien mir weit aber machbar. Die 640km, die die endgültige Route dann umfasste, erschienen mir weiter, aber noch machbar. Aus dem Wort „Graveller“ schloss ich, dass es wohl den einen oder anderen Kilometer über unbefestigte Wege, also Feldwege oder Waldautobahnen gehen würde. Somit würden im Prinzip alle Faktoren, die ich an meinem Focus Paralane schätze zusammenkommen – das Rad lässt sich extrem komfortabel auf langen Strecken fahren und steckt auch ruppige Wege locker weg. Also zögerte ich nicht lange und beschloss Ende Januar, dass ich mich am 28. April zusammen mit 68 weiteren Fahrerinnen und Fahrern auf den Weg nach Berlin zu machen würde.

Der Start am 28. April erfolgte ruhig und mit der Umsicht, die man quasi automatisch an den Tag legt, wenn man weiß, dass noch 640km vor einem liegen. Nachdem es die erste Stunde tatsächlich ausschließlich über gut ausgebaute Feldwege und leichten Schotter ging, erwarteten uns bald die ersten Trails und kurze Zeit später auch eine erste Schiebepassage. Als ich gegen 21 Uhr einen steilen Schotteranstieg erreichte, der den Einstieg in den Spessart bildete, war das letzte Tageslicht verschwunden und ich hatte mich ein Stück von den restlichen Fahrerinnen und Fahrern abgesetzt. Ich tauchte in den langen, dunklen Schlauch der Nacht ein. Alles schien von alleine zu laufen, ich war euphorisch.

Später in der Nacht, als ich mich gerade darüber freute, einige unbequeme Kilometer über den NVA Patrouille Streifen, der parallel zur Mauer verlaufen war, hinter mich gebracht zu haben, tauchten im Licht meiner Lampe direkt vor mir drei Wildschweine auf. Die ersten beiden schafften es noch vor mir über den Weg. Das dritte rannte mit voller Geschwindigkeit in mein Vorderrad. Noch während ich durch die Luft flog dachte ich, „dass war es dann erstmal mit Radfahren“. Ich war ziemlich überrascht, als ich aufstand und keine Schmerzen hatte. Mein nächster Gedanke waren die Wildschweine. Etwas panisch, nun mit aggressiven Schweinen konfrontiert zu sein, schaute ich mich nach diesen um, doch sie hatten ihren Weg scheinbar fortgesetzt. Als ich dann mein Rad ein paar Meter weiter fand rechnete ich wieder mit dem Schlimmsten – einer gebrochenen Gabel, einem zerstörten Vorderrad oder so etwas in der Art. Tatsächlich hatte das Rad nichts abbekommen. Ich richtete den Lenker und fuhr, jetzt ziemlich wach vom ganzen Adrenalin, weiter.

In der Morgendämmerung bemerkte ich, dass mein Hinterreifen nicht mehr allzu prall aufgepumpt war. Also anhalten, Hinterrad ausbauen, Schlauch aus der Satteltasche und den Reifen mit den Reifenhebern – wo waren die Reifenheber hin? Ich hatte sie lose in meine Trikottasche gesteckt, um bei Bedarf schnell an sie heran zu kommen. Beim meinem Wildschwein Crash musste ich sie verloren haben. Also – was tun? Nach ein paar Flüchen kam mir die Idee, es mit den Schnellspannachsen meines Rades zu versuchen. Sicher nicht die Material-schonendste Variante, aber es funktionierte.
Um die Gefahr weiterer Durchschläge etwas zu minimieren pumpte ich die Reifen mit deutlich mehr Druck auf, als zuvor. Auf diese Weise ging der Komfort gegen Null, aber besser, als ständig zu flicken. Von hier an rollte es gut. Die Route führte viel über normale Straßen und ich war zufrieden, dass ich wieder so gut vorankam. Nach einigen Kilometern kam ich nach Hörschel – dem „Tor zum Rennsteig“. Vom Höhenprofil wusste ich, dass es von hier zum höchsten Punkt der Tour hinauf geht und die Mittelgebirge dann weitestgehend geschafft sind. Mittlerweile war es zwischen 9 und 10 Uhr morgens, die Zeit um die ich für gewöhnlich mein Tief habe. So kämpfte ich mich den letzten langen Anstieg in dem Bewusstsein hinauf, nun „das Gröbste“ geschafft zu haben. Die Abfahrt verlief zunächst über Wiesen, dann über einen Weg mit etwas grobem Schotter und endete in einem kleinen Ort. Da mein Wasser langsam knapp wurde, fragte ich zwei Leute, die in ihrem Garten am Arbeiten waren nach einem Supermarkt. Diese schauten mich etwas belustigt an und meinten, „Ne, hier gibt’s nüscht.“ Wenn ich da lang fahre? „Ne, da ist auch nüscht, gar nüscht. Wenn Sie in diese Richtung fahren, da gibt’s einen Supermarkt.“ Natürlich war das genau die andere Richtung als die, in die ich laut Route weiterfahren sollte und einen Umweg wollte ich nicht machen. Als ich mich umdrehte sah ich einen Friedhof. Es klingt im ersten Moment etwas gewöhnungsbedürftig, aber Friedhöfe haben die praktische Angewohnheit, dass sie meist über einen frei zugänglichen Trinkwasserzugang verfügen. Also fragte ich, die beiden, ob es auf dem Friedhof Wasser gäbe, was sie bejahten. Als ich über die leere Straße zum Friedhof rollen wollte, bemerkte ich, dass die ruppige Abfahrt für meine, mit 30mm verhältnismäßig schmal gewählten, Reifen wohl etwas zu viel gewesen war. Beide Reifen waren platt und so bot sich die Wiese vor dem Friedhof für eine Pause an. So langsam schlugen mir die Platten aufs Gemüt. Was mich bei Laune hielt, war die Aussicht, dass das Streckenprofil jetzt sanfter würde und die Hoffnung auf bessere Wege.

Wie sich herausstellte eine ziemliche Fehleinschätzung. Zwar fielen die Anstiege nun kürzer aus, dafür gab es aber eben häufigere Wechsel zwischen bergauf und bergab. Dazu hatte ich das Gefühl, dass die Wegqualität weiter nachließ. Entweder waren die Wege von sich aus schlecht, oder, so zumindest mein Gefühl, in dem Moment, in dem ein halbwegs passabler Weg vorhanden war, knickte die Route auf den nächsten, deutlich schlechteren Weg ab. Das war dann der Punkt, an dem ich begann, alle, die für die Routenplanung zuständig waren, aus tiefstem Herzen zu hassen und mich zu fragen, wofür ich das eigentlich machte. Und irgendwie wollte es einfach nicht besser werden. In einigen Orten gab es nicht mal asphaltierte Straßen. Der Straßenbelag zwischen den Ortschaften bestand aus Kopfsteinpflaster. Meine persönliche Hölle des Ostens!

Ein besserer Belag wirkte sich jedoch auch nicht unbedingt positiv auf meine Stimmung aus. Wenn ich mich nicht zu 100% auf den Weg konzentrieren musste, konnte ich den doch recht starken Wind aus nordwestlicher Richtung wahrnehmen. Immerhin, dachte ich, scheinen die Autofahrer recht viel Abstand beim Überholen zu lassen. Das war ziemlich genau der Moment in dem mich das nach Frostschutzmittel riechende Wasser aus der Scheibenwischanlage eines vorbeifahrenden Autos traf.
Gegen spätnachmittag besserte sich meine Laune langsam. Als um 18Uhr die ersten 24h vorüber waren, hatte ich genau 452,1km hinter mich gebracht, was deutlich weniger war, als ich mir vorgestellt hatte. Andererseits beflügelte mich die Vorstellung nun „nur“ noch 200km vor mir zu haben. Zeitgleich wurden die Wege jetzt wirklich besser. Die Strecke führte länger über „richtige“ Straßen und gut ausgebaute Radwege. Als ich die Elbe erreichte waren es noch rund 140 km bis nach Berlin und diese weitgehend flach. Nachdem ich mir den ganzen Tag recht erfolgreich klar gemacht hatte, dass es sich hierbei nicht um ein Rennen handelt und es deswegen egal ist, ob ich als Erster in Berlin ankomme oder nicht, meldete sich nun mein Ehrgeiz. Ich beschloss, dass ich jetzt auch als Erster am Luftbrückendenkmal ankommen möchte. Also entschied ich, die letzten Kilometer ohne Pause durchzufahren. Ich rechnete und kam zu dem Ergebnis, dass ich zwischen 1 und 2 Uhr in der Nacht in Berlin sein könnte, wenn die Wege so blieben. Doch ich hatte mich schon wieder verschätzt.

Mit Einbruch der Dunkelheit änderte sich die Wegbeschaffenheit wieder. Zwar gab es weiterhin gute, asphaltierte Abschnitte, diese wurden jedoch immer wieder von durch Harvester umgegrabene Pfade abgelöst. Dann führten lange Streckenabschnitte über Waldwegen mit dem, für Brandenburg typischen, sandigen Boden. Manchmal war es auch nur Sand, in dem ich dann stecken blieb oder wegrutschte. Dazu sank die Temperatur auf unter 0°C. Als ich eine lange Schneise im Wald vor Potsdam entlang fuhr bekam ich schon Angst, meinen Orientierungssinn verloren zu haben oder einfach verrückt geworden zu sein. Über viele Kilometer sah einfach alles komplett gleich aus. Die einzige Abwechslung waren die kräftezehrenden, sandigen Abschnitte. Ich gab mir selbst Backpfeifen, um zu kontrollieren, ob ich vielleicht eingeschlafen war. Dieser Weg wollte einfach nicht enden!

Erlöst wurde ich erst, als ich unter der S-Bahnstation von Berlin Grunewald durchgerollt war. Die Berliner Straßen mit den vielen Taxis waren mir in diesem Moment 1000 Mal lieber, als dieser monotone Wald mit seinen Sand-Fallen. Ziemlich genau um 4 Uhr erreichte ich, nach einer Umrundung des Tegeler Flugfeldes schließlich das menschenleer daliegende Luftbrückendenkmal. Ziemlich genau 38 Stunden war ich unterwegs. Ich war vollkommen am Ende, aber ziemlich glücklich. Um noch etwas zu Essen zu holen war mir zu kalt, also fuhr ich zur Packstation und von dort in die Wohnung von Thomas, der mir netter Weise sein Zimmer zur Verfügung stellte. Nachdem ich seinen Kühlschrank geplündert und geduscht hatte, fiel ich dann um 6 Uhr morgens in der Morgendämmerung ins Bett.

Auch wenn ich die meiste Zeit zwischen Frankfurt und Berlin alleine auf meinem Rad gesessen habe, darf auf keinen Fall unerwähnt bleiben, dass ich ohne die ganzen Freundschaften, die ich über das Radfahren geschlossen habe und die Unterstützung von vielen Personen das Rad ganz sicher schon lange in die Ecke gestellt hätte! Im Fall vom Candy B möchte ich mich bei allen bedanken, die an den Start nach Frankfurt gekommen sind – danke Mama (Gabi Temmen) und Papa, Oliver Bonitz, Atelier Himmelbraun Ffm (auch für das Bett in der Nacht vorm Start), Matthias Fischer, der mich sogar ein Stück auf der Strecke begleitet und Fotos gemacht hat (alles natürlich im Rahmen des Kodex!), Steffen Äff, Mk Op sowie meine Mitfahrer Ken Kanuma und Christopher Jobmann! Danke Thomas Strobel für das Bett in Berlin! Und auf keinen Fall zu vergessen – meine Freundin Alina La, die diese Zeitraubenden Unternehmungen nicht nur hinnimmt, sondern auch noch Unterstützt!

Weiterhin vielen Dank für das – nun auch auf Wildschweinfestigkeit geprüfte – Material: Focus Bikes (Andreas Krajewski) und Profile Design

#cbg17 #focusbikes #profiledesign #fitforspeed

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