Der Candy will ruhig schlafen …

So unterschiedlich passionierte Radfahrer sein mögen, etwa bei der Wahl des Radtyps, beim Tempo oder dem Bodenbelag, in einem dürften sich alle gleich sein: Ein jeder trägt in seinen Erinnerungen eine Liste der besten Fahrten seines Lebens.

Gut die Hälfte meiner Top-Ten-Fahrten waren Nachtfahrten oder zu mindestens Fahrten am wirklich späten Abend oder erheblich frühen Morgen. Keine davon unter Drogeneinfluss (etwa heimwärts aus der Stammkneipe). Aber ehrlich, vielleicht waren manches Mal ein paar körpereigene Drogen im Spiel.

Das kontemplative Moment des stundenlangen Dahingleitens durch die Landschaft ist der vielleicht schönste Genuss beim Radfahren überhaupt. Gesellt sich dann noch das magische Licht zur blauen Stunden dazu, so entstehen Bilder, die sich auf schönste Weise in die Erinnerung einbrennen. Meist verzerrt die Müdigkeit die Wahrnehmung in der Situation einwenig. Das schmälert vielleicht ihren objektiven Wahrheitswert, nicht aber ihren subjektiven Genusswert; im Moment, wie Jahrzehnte danach! Vielleicht liegt es auch daran, dass man schon wenige Stunden danach oder auch Jahre später viele Details nicht mehr so genau zusammenbekommt.

Was bleibt ist dieses wohlige Gefühl, in vollkommener Balance von Terrain und Tritt unterwegs gewesen zu sein. Leider gruppieren sich um diese fantastischen Erinnerungen mit ein wenig Verdrängungsabstand die Bilder von Schreckmomenten: Die Ampel, die man erst spät sah. Das Schlagloch, welches man in letzter Sekunde umkurvte. Oder der hupende Autofahrer, welcher einen an den Linksverkehr auf der Landstraße bei Brighton erinnerte.
Kurz: Der tödliche Abgrund ist der direkte Nachbar der traumhaften Klippe.

Dieser Umstand verträgt sich vorzüglich mit der Idee der Selbstversorgerfahrten: Wähle dein Tempo und deine Linie und trage alle Konsequenzen. Insbesondere bei Geländefahrten hat sich dies auch bestens bewährt. Schaut man in die Geschichte, die ihren Anfang mit der ITT-Fahrt von John Stamstad auf der Great Divide MTB Route nahm, so gibt es vor allem Blogeinträge zu „Schreckmomenten“. Soweit so gut, wäre da nicht Dave Blumenthal, das erste (bekannte) Todesopfer bei einer Selfsupportfahrt.

Seither hat sich die Szene in vielerlei Hinsicht weiterentwickelt und findet immer öfter den Weg aus der Natur in den Straßenverkehr. Und der ist kein Ponyhof. Genauso liest sich auch die Bilanz: Bei jedem größeren Selfsupportfahrt auf Asphalt hat es in diesem Jahr einen Todesfall gegeben. Der bekannteste ist sicher Mike Hall (siehe auch). Das Verfahren zu diesem Unfall beginnt übrigens dieser Tage. Ich bin gespannt, wie das Gericht den Umstand wertet, dass Mike seit über zehn Tagen quasi nonstop im Sattel saß …

Schon jetzt aber klar: Gesellt sich zu Route, Fahrradfahrer und Dauerbelastung der Verkehrsteilnehmer Auto, so steigt das Risiko kolossal. Dafür braucht es nicht einmal den berühmt berüchtigten Sekundenschlaf (ganz gleich ob beim Rad- oder Autofahrer). Meist geht es zu Lasten des Radfahrers aus.

Für mich war das bisher kein großes Thema, da ich meine Haltung dazu gefunden hatte und entsprechende Konstellationen konsequent meide. Das gilt auch für die Grenzsteintrophy. Bei der GST waren Nachtfahrten für die meisten Fahrer nie ein Thema, da das Gelände vom Dreiländereck bis Helmstedt schlicht zu anspruchsvoll ist, um nachts wirkungsvoll vorwärts zu kommen. Nördlich von Helmstedt ist die Mehrheit der Fahrer schon derart „durch“, dass Nachtfahrten keine reale Option mehr sind. Auch verläuft die Strecke recht autofern.
Alles tutti also!

Ganz anders der Candy: Die letzten 20 Kilometer führen unter stetig steigender Verkehrslast mitten ins Herz der größten Stadt Deutschlands. Wie oben ausgeführt kein gutes Terrain für das Finale einer Selfsupportfahrt. Kein Radfahrer mag ein solches Arrangement. Mit dem Luftbrückendenkmal ist das Ende der Fahrt aber fixiert. Ergo gibt es eine verpflichtende Mütze Schlaf für jeden Candy-Fahrer!

Macht das Beste draus!

Danke

2 Comments

  1. Gert Freitag, der 22. Dezember 2017 at 18:09

    Gute Entscheidung, das nimmt den selbstauferlegten Druck und kommt dem Lagerfeuer zugute.
    Gert

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  2. Markus D. Freitag, der 29. Dezember 2017 at 17:56

    die verpflichtende Mütze Schlaf finde ich ok. Vielleicht wäre es für einige (potentielle) Teilnehmer ansprechender, wenn diese nach Bedarf aufgesetzt werden kann (unter Berücksichtigung der „nicht-länger-als-19h-im-Sattel-Regel) und nicht in einem festen Zeitfenster.

    Mir selbst kann es eigentlich egal sein, denn ich werde mir die zahlreichen Ausblicke in die herrlichen Landschaften nicht entgehen lassen, und meine Zeit auf dem Rad so weit es möglich ist bei Tageslicht verbringen. 😉

    In Sachen Tracking würde ich eine Smartphone-gestützte Variante bevorzugen. Ich denke, das hat die Mehrheit der Fahrer ohnehin dabei…

    ach ja: bitte bei der Überarbeitung der EInfahrt nach Berlin die herrlichen Trails und Wege im Grunewald nicht opfern. Das war, nach der endlosen Fahrradautobahn vor Potsdam und dem demotivierenden Sandkasten vor Albrechts Teerofen, ein grandioses und versöhnliches Finale ! :-))

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